Ausschnitte aus Zeitungsartikeln  

Musik liegt auf seiner Linie

Wie Peter Zeiler das eine Medium in ein anderes überträgt (Ausstellung in der Schwabenakademie Irsee)

Wer neben oder ein, zwei Reihen hinter ihm saß, hat es wahrscheinlich mitbekommen, vornehmlich bei Konzerten in Irsee. Höchst konzentriert konnte man Peter Zeiler der Musik lauschen sehen, ob nun einem Quartettsatz im Klosterfestsaal oder den Klängen der "Frauenhofer Saitenmusik" im Altbau. Und während der Kopf meist neugierig ergriffen den Musikern zugewandt war, flog die Rechte in zuckenden Bewegungen über einen kleinen Skizzenblock, der auf den Kien lag, darin Seite um Seite füllend.

Kein Zweifel, hier fand und findet eine sehr persönliche Aneignung von Musik statt, ein Aufnehmen nicht nur mit dem Hörsinn, sondern auch mit dem Zeichenstift. Seit einigen Jahren nun schon findet schwerpunkthaft eine Auseinandersetzung des Irseer Künstlers mit der Musik statt, so daß zu diesem Thema inzwischen eine stattliche Sammlung gezeichneter und gedruckter Blätter zusammengekommen ist. Das ein oder andere war, etwa in der Altbau-Galerie, bereits ausgestellt, doch jetzt sind diese Arbeiten erstmals in größerem Zusammenhang zu sehen. Unter dem Titel "Musikalische Spuren" widmet die Irseer Schwabenakademie Zeiler sowie dem Münchner Zeichner Lothar Fischer eine Doppelausstellung im Festsaal des Klosters.

Das Humane und das Expressive
Weshalb ist Zeiler gerade die Musik ein solches Faszinosum, daß er für sie stets aufs neue zu Zeichenstift und Radiernadel greift? Zum einen wäre hier zu verweisen auf die Kategorie des Expressiven, das als zentrale Maxime das komplette Zeilersche Oeuvre, jedenfalls des letzten Jahrzehnts, durchzieht. Hinzu kommt der röntgenhaft analytische Blick, mit dem der Künstler, seit jeher zuallererst am Humanen interessiert, den Variationsreichtum menschlicher Ausdrucksfähigkeit wahrnimmt. Da wundert es nicht, wenn ihn im Konzert die sich in Gesichtern spiegelnde "ungeheure Erregung der Musiker" fesselt, genauso wie die "phantastische Vielfalt" der Gesten und Körperhaltungen bei der Ausübung des musikalischen Handwerks.

Den Tönen auf der Spur
Es wäre ein Mißverständnis, jetzt zu meinen, es ginge ihm lediglich um das Abbilden einer Auftrittssituation. Zeiler zielt aufs Eigentliche, und das ist nicht die Art und Weise des Musizierens, sondern die Musik selbst. Sie ist der Modus, ist die klingende Folie, durch die hindurch die Ausführenden auf der Bühne betrachtet, letztlich auf die zweidimensionale Fläche gebannt werden. Dies erfolgt durch einen Akt künstlerischer Synästhesie, durch die Verwandlung des hörend aufgenommenen Sinneseindrucks in ein bildnerisches Konstrukt - ein Prozeß, über den Zeiler selbst ausführlich reflektiert in einem Vorwort, das im Katalog zur Irseer Ausstellung wiedergegeben ist.

Zeiler verweist hier auf die Beziehungen zwischen Musik und Zeichnen, auf die Musikalität, die dem Rohstoff des Zeichners, der Linie, eignet. Die Linie, die gleich der Musik gestaltbar ist in rhythmischer oder dynamischer Hinsicht, die langsam oder schnell verlaufen, gleichförmig oder zerrissen sein kann. Hier findet die Musik Eingang: in jeden einzelnen Strich, mit dem Zeiler Gestalten und Gegenstände erfaßt.

Stefan Dosch in der Allgäuer Zeitung vom 31.10.1993

 

 
Hilflose Gebärde im Abgrund der Furcht  
"Schatten - Bilder und Texte zum Thema Angst" in der Künstlerwerkstatt Lothringerstraße München
 
Peter Zeiler radiert die Angst: Seine bizarren, zerrissenen, im Krampf erstarrten Menschwesen wehren den Schrecken, der auf sie eindringt, mit hilflos-entsetzter Gebärde ab. Die Augen sind extrem weit aufgerissen, die Körper und ihre Gestik sind deformiert. Es kommen jedoch auch die Aggressoren ins Bild: so der strümpfe-strickende Riese, in dessen wüstem Maul ein Kind-Gnom um Hilfe schreit. Dieser Künstler ist ein begnadeter Zeichner, der mit der Radiernadel die abgrundtiefe Angst wirklich unmittelbar anschaulich machen kann. Eine ähnliche Intensität ist allenfalls in der Kunst der Geisteskranken zu erleben, etwa bei Louis Soutter (der vor Jahren im Lenbachhaus zu sehen war).  
Peter M. Bode in der AZ München vom 4. Dezember 1991  
   
Den Künstlern gelang die Annäherung an die künstlerische und menschliche Wahrhaftigkeit
 
Ausstellung "Menschenbilder" in "Haus 10", Fürstenfeldbruck mit Arbeiten von Peter Zeiler, Hilde Spindler und Hans Dumler  
Tiefen Eindruck hinterlassen vor allem die Radierungen Peter Zeilers. Es sind Blätter, welche in einem Höchstmaß an Radikalität Gewalt, Erotik, sexuelle Gewalt, Aggressivität, Angst und ein tiefes Hinabtauchen in die letzten, äußerst verletzlichen Tiefen der menschlichen Seele und des menschlichen Empfindens repräsentieren. Es sind Blätter, die sich - einmal kunsthistorisch betrachtet - mühelos in eine Reihe mit Goyas ”Los desastres de la guerra” oder Max Beckmanns 1917 bis 1919 entstandenen Radierzyklus ”Die Hölle” einreihen lassen.  
Simon im Münchner Merkur - Fürstenfeldbrucker Tagblatt vom 21. Januar 1994  
   
Innen das Seelenkind
 
Neue Zeichnungen von Peter Zeiler im Holbeinhaus - Kunstverein Augsburg  

Als Kunsttherapeut kam Zeiler dem Ausdruck psychisch Kranker näher, familiäre Schicksalsschläge sensibilisierten ihn zusätzlich für psychologisierende Verarbeitung. Seine Thematik kreist um das authentische Erleben und die Darstellung von Seelenzustand und Körpererfahrung. Er zeigt es in Bildtiteln wie ”Verbissene Wut”, ”Selbstangriff”, ”Abwehren”, ”Verloren”, ”Außer sich sein”, aber auch ”Sich annehmen”, ”Freude”. Zeiler betreibt die Offenlegung des Menschen konsequent, indem er den Blick unter die Haut richtet. Die gezeichnete Umrißlinie seiner Kunstfigur ist die dünnhäutige Begrenzung für Innen und Außen. Im Innenraum, dem Körperinneren, lebt das ”Seelenkind”, ein eigenständiger, fötenartiger Homunkulus.

Psychologisch betrachtet entsprechen dieser Darstellung die unterschiedlichen bewußten und unbewußten Seelengeschichten. Angesichts des ”Entsetzens” widerfährt der Figur die überkrümmte Haltung, die aufgerissenen Augen, die Kraftlosigkeit und Entgleisung aller Gesichtszüge. In ”Außer sich sein” beschreibt der Künstler diesen Zustand mit dem frei schwebenden, vom Körper gelösten Kopf. Ein weiteres Bild für gesteigertes Empfinden findet er in der Verdoppelung der Gliedmaßen: Bei ”Abwehren” hat man damit doppelt soviel Kraft und ist dem Angriff überlegen; bei ”Freude” kann man doppelt so schnell laufen, reine Euphorie also - frappant die Ähnlichkeit mit Klees ”Läufer am Ziel”.

Zähnefletschende Dämonen
Hervorzuheben sind auch die ausgezeichneten großformatigen Radierungen ”Krieg” und ”Hiob”. Im ersteren scheint kein Entkommen möglich, und im engen Raum kämpft der Mensch gegen übermächtige, zähnefletschende Dämonen, das ”Seelenkind” ist geflohen. ”Hiob” stellt Zeiler als eingeknickte Figur dar mit der Haltung, die bei allen Primaten auf das Erschrecken folgt. Auch hier folgt Zeiler seiner Prämisse nach der bildhaften Verschränkung von Seelenzustand und Körpererfahrung.

 
Ulrike Knoefeldt-Trost in der Augsburger Allgemeinen vom 21. Februar 1998